‚Lichtzeichen‘ (Erzählung)

Am Ufer gegenüber beginnt ein Licht zu blinken. –
Den ersten Abend denkt er sich nichts dabei. Den zweiten Abend beobachtet er es genauer. Es sind in regelmäßigen Abständen die gleichen Zeichenfolgen. Lichtzeichen gegen Ende der Dämmerungs­zeit. Wenige Minuten, dann nicht mehr. Was haben sie zu bedeuten? Er kennt sich mit Morsezeichen nicht aus. Im Internet sind sie schnell gefunden. Am nächsten Abend versucht er die kurzen und langen Signale mitzuschreiben. Es ergeben sich tatsächlich Wörter, zwei Wörter, die sich mehrmals wiederholen. Lateinische Wörter. ‚Reperio lucem‘. ‚Finde das Licht.‘ Jemand sendet allabendlich die Worte ‚Finde das Licht‘ in lateinische Sprache über den See. Was sollte das?
Soweit er es an den folgenden Abenden beobachten kann, antwortet niemand. Für wen sind diese Zeichen denn dann? Was sollte das überhaupt bedeuten ‚Finde das Licht‘? Ein Hilferuf wohl kaum. Es klingt viel eher wie ein Aufruf. Ja!
Bei genauerem Hinsehen ist gerade noch zu erkennen, dass die Lichtzeichen aus einem Turm geschickt werden. Vielleicht ein Kirchturm, aber das ist auf diese Entfernung nicht eindeutig zu sehen. Ein Turm in einem kleinen etwas oberhalb des Sees gelegenen Dorf auf der anderen Seite.
Am nächsten Vormittag findet er dort allerdings zwei Kirchen so nah beeinander, dass es von seinem Zimmer wie eine wirkte. Die eine neu, die andere alt und lange schon unbenutzt. Die Neue macht keinen angenehmen Eindruck auf ihn, sie wirkt kalt und unsympathisch schon von außen. Von dort können die Lichtzeichen unmöglich kommen. Die alte Kirche sieht zwar äußerlich nicht mehr sehr reizvoll aus, aber sie hat, je näher er ihr kommt, eine fast magi­sche Anziehungskraft. Durch eine kleine halb offene Seitentür kann er sie betreten. Das Innere ist in dämmeriges Licht ge­hüllt. Eine Ecke trennt ihn vom Chor. Zwei Schritte noch und er tritt ein – in Sonnen­licht je weiter er geht. Dann bleibt er stehen. Etwas Sonderbares be­ginnt in seinem Innersten zu geschehen. Er schaut hinauf in die Kuppel. Lichtstrahlen fallen durch zerbrochene Scheiben. Plötzlich löst sich etwas aus einer Nische. Eine weiße Taube fliegt lautlos auf und davon. Und gleichsam mit ihr lösen sich Sorgen und Ängste aus seiner Brust. Uralte bedrückende Gedanken ziehen wie dunkle Schatten aus seinem Herzen, der Taube folgend. Sein Oberkörper füllt sich mit Luft wie zuletzt in Kinder­tagen so leicht. Was für ein Gefühl. Alles Schwere fällt Stück für Stück von ihm ab. Ein Windzug lässt ganz in der Nähe eine Glocke hell erklingen. Das Leben erscheint ihm plötzlich so klar und schön. Warum macht er sich eigentlich ständig Sorgen, wo­vor hat er Angst? Nichts entfernt weiter von sich als diese düsteren Ge­danken, diese Dämonen der Dunkelheit. In diesem Licht ist alles leicht. Sicherheit und Geborgen­heit durchströmt ihn. Er schließt die Augen und spürt diesen Augen­blick mit jeder Faser seines Körpers. Wärme fließt bis in die äußersten Zellen seiner Zehen, Ruhe breitet sich aus bis tief in sein Herz. Mit allen Sinnen nimmt er auf, um auch in Zukunft an jedem Ort in diesen Augenblick eintauchen zu können. Er weiß, dass er sich so jeder Zeit die Gelassenheit dieser Minuten zurückholen kann. Ein lange ge­hegter Wunsch. Wie lange er dort steht, weiß er im Nachhinein nicht mehr. Die Zeit stand still für ihn.
Auf der Rückfahrt erst fällt ihm wieder ein, weshalb er eigentlich in die Kirche trat. Doch … er hat sein Licht gefunden, ein wunderbares Geschenk.

Auch an seinen letzten Abenden am See tauchen die Lichtzeichen unermüdlich am Ufer ge­genüber auf.

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‚Der Rosenbusch‘ (Parabel)

Der Rosenbusch stand dort schon seit vielen vielen Jahren. Doch in den letzten Monaten waren seine Blätter winzig klein geworden, obwohl die Wurzeln bis tief in den Boden reichten, wo sie Feuchtigkeit fanden. Die Blüten verloren an Farbe, ihr Duft verschwand mehr und mehr. Traurig wurde ihm zumute. Er ließ gelegentlich schon einige seiner Köpfe hängen.
Auch der alte Turm an den er sich lehnte wußte keinen Rat. Der schmale Weg, der zu ihm führte, hatte einst den Wurzeln des Rosenbusches den Weg versperrt. Es war kein Durchkommen gewesen. Aber damals ging es ihm noch richtig gut, da wuchsen die Äste, die Blüten und die Blätter über den Weg hinweg und ließen einen heimeligen Blütengang zum Eingang des Turmes entstehen. Was war nur los mit ihm? Er wusste es nicht.
An einem der ersten schönen Frühlingstage kam ein kleines Mädchen mit einer roten Schleife im schwarzen Haar vorbeispaziert. Sie schaute den Turm hinauf. Er schien ihr nicht besonders groß, das neue Parkhaus gleich gegen­über war viel größer. Doch den alten Turm mit seinem Rosenbusch fand das Mädchen schöner. „Mir ist kühl hier unten, ich will hinauf auf den alten Turm gehen und die Sonne suchen“, sprach sie vor sich hin.
Die Tür ließ sich nur schwer öffnen. Sie knarrte in den Angeln. Oben angekommen trat das Mädchen sogleich in einen Sonnenstrahl. „Wie schön“, sagte sie, „hier oben hat sich also die Sonne versteckt.“
Das hörte der Rosenbusch. Die Sonne hatte er seit vielen Wochen nicht mehr gesehen. Er fragte sich die ganze Zeit schon, wo sie geblieben war. Die Sonne hatte ihn immer gewärmt, auch wenn es ihm einmal nicht so gut ging, weil ein Ast ihn schmerzte oder er Blüten verloren hatte. „Vielleicht kann die Sonne mir helfen“, dachte er bei sich. „Ich will sie fragen.“
In den kommenden Wochen machten seine Äste sich auf den Weg hinauf zu den Zinnen des Turmes. Schon bald nachdem die ersten Blüten und winzigen Blätter die Wärme der Sonne spürten, verschwand die Traurigkeit aus dem Rosenbusch. Seine Blätter wurden größer und größer und seine Blüten begannen wieder zu duften. Er vergaß, weshalb er eigentlich hinauf­gewachsen war.
Als eines Tages das Mädchen wieder einmal vorbeikam und auf den Turm stieg, bestaunte sie den herrlich duftenden Rosenbusch. Sie nahm einen tiefen Atemzug davon mit nach Hause.

‚Der kleine Pianist‘ (Erzählung)

Er spielt nicht in großen Konzertsälen.
Auch nie für sich allein.
Der kleine Pianist spielt für jeden und doch für niemanden.
Er spielt für die, die den Boden unter den Füßen verloren haben und auch für die, die zu träumen nicht mehr wagen.
Er kommt und geht, wenn du ihn am dringendsten brauchst. Den rechten Zeitpunkt findet jedoch nur er.
Wünsche zu erfüllen ist nicht sein Begehren.
In größter Einsamkeit und tiefster Melancholie kannst du ihn spielen hören.

Als Maya ihn hörte, begann sie zu weinen. Lange war ihr diese Tür verschlossen.
Als Mika die Töne erreichten, konnte er endlich wieder seine Träume erinnern.
Als Elsa das stille Spiel der Klänge auch nur erahnte, wusste sie, dass es jetzt Zeit ist zu gehen.
Als Karl der Musik lauschen konnte, atmete er auf und wusste, dass er es geschafft hatte.
Als Frieda sie hörte, wurde sie ruhig und fand zu sich selbst – nach vielen Jahren.

Doch keiner konnte je sagen, wer diese Musik gespielt hat. Die Musik, die ihre Herzen berührte und Offenheit brachte.

Der kleine Pianist spielt auch heute noch. Doch sein Spiel bleibt von den meisten ungehört.
Vor langer Zeit hörten ihn viele spielen. Er brachte ihnen Trost in hoffnungslo­ser Stunde. Stille der Gedanken, wenn es Zeit war zu sein.
Das ist lange her.
Die meisten Menschen haben aufgehört zuzuhören – sich, anderen und dem Sein.
Wenn das Rauschen der Bäume und das Brechen der Wellen mehr ist als Geräusch, dann kannst du ihn vielleicht, in Stunden tiefer Andacht, auf seinem kleinen schwingengleichen Flügel spielen hören.

Ziele setzen

Lange fragte ich mich, warum sich die einen auf den Weg machen das Leben zu leben, das sie wirklich leben wollen und andere nicht. Warum setzen sich manche Menschen ganz offensichtlich Ziele und verfolgen sie hartnäckig und andere nicht?

Die einen sehen, dass sie selbst Schöpfer sein können. Sie selbst können Veränderungen herbeiführen. Sie können zwar die anderen nicht verändern, sie können die Gesellschaft nicht verändern, auch nicht die Freunde. Aber sie können sich verändern. Und das ändert alles. Nicht von heute auf morgen. Schritt für Schritt. Zur Vision.

Die anderen sehen sich in der Opferrolle. Und deshalb ist nichts möglich. Träume sind Schäume. Sie haben Angst vor ihrer eigenen Größe. Sei glauben nicht an ihre Möglichkeiten. Sei haben vergessen zu scheinen.

In die eigene Kraft kommen

Ich habe einen Körper, ich habe Gedanke, ich habe Gefühle. Die Vorstellung, dass ich weder mein Körper, noch meine Gedanken, noch meine Gefühle bin, macht schwierige Zeiten  – in meinem Körper, mit meinen Gedanken und meinen Gefühlen – leichter. Tief in mir bin ich mehr als mein Körper, mehr als meine Gedanken, mehr als meine Gefühle. Ich bin das, was bleibt, wenn ich all das nicht bin.

Brennende Neugier auf das, was ist und sein kann.

 

‚Der Sprung‘ (Kurzgeschichte)

Endlich lag der 85. Geburtstag hinter ihr. Was für ein Theater um dieses Alter. Am liebsten hätte sie alles abgesagt und einfach ihre Ruhe gehabt. Aber so lassen sie sie wenigstens jetzt ein paar Tage unbehelligt. Eigentlich hat sie es sich auch genau so vorgestellt, denn sonst wäre es viel zu schnell aufgefallen, wenn sie …
Die Rufe kommen schon seit Wochen. Jede Nacht beginnt es leise und wird zunehmend eindringlicher. Es klingt wie eine Aufforderung endlich zu kommen an den Ort an dem Stille herrscht und Frieden. Freiheit von Schmerz und Leid, von Sorgen und Mühsal. All die Dinge, die ihr das Leben schon so lange so schwer machen. Es reicht ihr. Sie hat genug gelebt, denkt sie.
Der Weg den Berg hinauf ist viel steiler als sie es sich vorgestellt hatte. Vielleicht hätte sie ihren Stock doch mitnehmen sollen. Oben wird sie verschwitzt sein und alle Knochen werden ihr wehtun. Aber dann ist es wenigstens endlich geschafft.
Der Mond scheint mir den Weg.
Es ist nicht mehr weit. Wann hat sie so einen Aufstieg eigentlich das letzte Mal gewagt?
Nun steht sie da, ganz oben. Es ist nicht kalt. Sie geht an den Rand einer großen Felsplatte, schließt die Augen und spürt. Ein leichter Wind weht, es ist herrlich. Gleich habe ich es geschafft. –
Was erhoffst du dir eigentlich?
Sie reisst ihre Augen auf und traut ihren Ohren kaum. Wo kommt diese helle, klare Stimme her?
Auf einem großen Stein wenige Meter neben ihr sitzt ein kleines Mädchen.
Ich …
Komm, ich zeig dir eine bessere Stelle.
Sie zeigt mir eine bessere Stelle? Woher weiß sie, was ich ..? Wer ist sie überhaupt?
Komm schon!
Ja ja, ich bin schließlich 85 Jahre, da –
Oh mein Gott, was mache ich hier gerade?
Wo bist du?
Hier.
Wo führst du mich hin?
Wir sind bald da.
Hm -.
Da. Siehst du es?
Was denn, die alte Brücke da?
Ja, genau in der Mitte. Komm, es ist alles vorbereitet.
Wie? Was ist vorbereitet?
Komm schon, du wirst es lieben.
Was werde ich? Was soll ich auf dieser alten Brücke?
Kommm schoon!
Stell dich hier hin. Den Rest mache ich. Und dann kannst du springen, wie du es die ganze Zeit schon wolltest.
Woher weißt du das?
Ich beobachte dich schon ziemlich lange. Und dieser Sprung ist genau das Richtige für dich. Das Leben ist ein Genuss. Du musst es nur von der lichten Seite betrachten.
Und jetzt los, Mütterchen!
Oh mein Gooott! Nenn mich nieee wie…

Das war der erste von sieben Sprüngen in dieser Nacht. Von Mal zu Mal fühlte sie sich selbstsicherer, mutiger, stärker. Unendliche Lasten vielen ihr von der Seele.
Frei … atmen …
Die Betrachtung des Lebens liegt in ihren Händen, aufgehoben in viel viel größeren.

Diesmal anders. (Erzählung)

Er öffnete die Augen und ihm war sofort klar, dass er nicht die geringste Vorstellung davon hatte, wo er sich befand. Doch nach all dem, was er erlebt hatte, war ihm das vollkommen egal. Wie lange er wohl in der anderen Wirklichkeit gewesen war? Stunden oder sogar Tage? Aber was spielte das für eine Rolle. Er hatte so viel gelernt. Und nun war es soweit, das in die Tat umzusetzen. Er konnte es kaum erwarten.

Das Leben, das er bisher, oder besser gesagt zuvor, gelebt hatte, war nie wirklich sein Leben gewesen. Er hatte das gelebt, was sich ergeben hatte, was er an Gelegenheiten sah. In all der Angst und all den Begrenzungen, die er mit sich trug. Es schien ihm zwar unendlich lange her, aber die Jahre, die er einfach dahin gelebt hatte, mit dem was da war und mit dem was bequem war, kamen ihm unfassbar lange vor. Was hatte er in all diesen Jahren wirklich getan? Nur vor sich hin gelebt? Er hatte die Dinge scheinbar genommen wie sie waren, doch zufrieden ist er nie, niemals, gewesen. Der Mut auszubrechen war damals so klein wie der Hang zur Bequemlichkeit groß. Die Beziehungen, in denen er sich befand, waren eine zeitlang aufregend gewesen, doch dann ebbten sie ab und siechten dahin. Den Beruf, den er ausgeübt hat, beherrschte er, aber Erfüllung konnte er ihm schon lange nicht mehr abgewinnen. Doch er beließ alles so wie es war, egal wie schlecht es ihm damit ging. Begeisterung und Freude waren längst verschwunden. Er hatte sogar geglaubt, dass es so vielleicht noch am besten sei. Das alles andere zu ungewiss sei und vielleicht noch schlechter werden könnte. Aber hatte er überhaupt eine Ahnung davon gehabt, was das Andere hätte sein können? Nein, eigentlich hatte er davon gar keine Vorstellung gehabt. Es schien ihm nur das möglich, was da war. Alles andere war das Leben anderer Menschen.
Und die Zeit verging. Und er machte weiter. Weiter das, was er kannte.
Irgendwann begann er sich selbst nicht mehr leiden zu können, aufgrund seiner Gleichgültigkeit, seiner Mutlosigkeit, seiner Trägheit. Er hasste sich, wie er alles um sich herum hasste.
Dann begann seine Gesundheit nicht mehr mitzuspielen. Zuerst bemerkte er es gar nicht. Doch die Beschwerden wurden schlimmer. Nachdem der innere Schmerz über sein Leben nicht ausgereicht hatte, ihn von notwendigen Änderungen zu überzeugen, setzte sein Körper Zeichen. Er hörte ihnen nicht zu. Bis es fast zu spät war. Eines Tages wurde ihm schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.
Und das war das größte Geschenk, das ihm das Leben machen konnte.
Denn was dann geschah, war das Unglaublichste was er je erlebt hatte und ganz sicher nicht von dieser Welt. Es änderte alles, auch wenn es eine Weile dauerte bis er sich erlaubte, das was geschah, zu glauben.
Der Ort an den er gelangte, schien in den Wolken zu liegen. Alles sah weich und weiß aus. Und doch konnte er umhergehen und sogar in einer Art Sofa Platz nehmen. Nach und nach begann direkt neben ihm eine Gestalt zu entstehen. Erst unscheinbar, dann umrissener und klarer. Und er begann sich zu entspannen. Merkwürdig, dachte er noch. Mehr und mehr konnte er loslassen. Wie anders es hier war. So viel Ruhe. Er konnte seine Gedanken hören, wie sie leiser und leiser wurden.
Die Wesenheit begann sich ihm zuzuwenden. Und ein Gefühl breitete sich in ihm aus, wie er es … seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt hatte … ein längst vergessenes Gefühl. Das Gefühl zuhause zu sein. Es war unbeschreiblich. Er fühlte sich so leicht. Nach einer scheinbaren Ewigkeit standen sie auf.
Gemeinsam gingen sie durch die Wolken spazieren bis sie auf eine Art Lichtung kamen. Dort erwartete ihn eine große Gruppe von Wesenheiten ähnlich ihm selbst. Sie kamen mit den unausgesprochenen Worten „Und wie war es?“ auf ihn zu. Ihre begeisternde Neugier berührte ihn tief. Er war unendlich überrascht von dieser Frage. Doch seine ehrliche Antwort im Inneren seiner selbst war schlicht weg: „Beschissen“. Trotzdem luden sie ihn ein, in die Menge einzutauchen. Sie waren an ihm interessiert. Ihre Neugier am Leben durchflutete ihn. Wieder die Frage: „Und wie war es?“ Langsam begann er zu verstehen, was sie damit meinten. Sie wollten wissen, wie er sein Leben gelebt hatte, wie er es gemeistert hatte.
Hatte er es gemeistert?
Was ist das für eine Frage?
So hatte er das noch nie gesehen. Sein Leben gemeistert.
Hatte er sein Leben gemeistert? Nein. Nein, ganz sicher nicht.
Wer sein Leben meistert, der weiß, was er –
Sollte das etwa heißen … er hätte es können? Er hätte sein Leben meistern können? Hm. Wenn er es gemeistert hätte, wäre es anders verlaufen. Da war er sich sicher, ganz sicher.
Was hatte er vorhin gedacht?
Wer sein Leben meistert, der weiß, was er … der weiß, was er tut. Der lässt die Dinge nicht einfach geschehen. Der entscheidet sich.
Wie oft hatte er sich nicht entschieden.
Für das, was sich eigentlich richtig angefühlt hatte.
Er hatte nicht den Mut gehabt.
Nur Angst.
Er hätte es anders machen können!
Das erschütterte ihn zutiefst.
Denn nun war er hier. Raus aus seinem Leben.
Sein Begleiter führte ihn durch die Menge auf eine Anhöhe, durch Wolken hindurch bis zu einem Zelt. Je näher er diesem Zelt kam, desto aufgeregter wurde er.
Was wartete dort auf ihn?
Sein Begleiter gab ihm ein Zeichen hineinzugehen.
Schon beim Eintreten sah er das Kind. Und sein Herz öffnete sich … der Atem stockte ihm …
Dort lag er selbst – als Baby.
Er nahm das Kind in beide Arme, drückte es sanft gegen seine Brust und begann still zu weinen. Und das Kind strahlte ich an.
Auch wenn alles in ihm durcheinander zu geraten schien, begriff er, worum es ging.
Angst hatte sein Leben beherrscht. Nicht Liebe.
Die Angst hatte ihn gelähmt, erstarren lassen, bewegungsunfähig gemacht.
Und er hatte das akzeptiert und zugelassen.
Er hatte gar nicht wirklich gelebt. Er hatte lediglich überlebt. Bis ihm auch das nicht mehr gelang und sein Körper die Notbremse zog.
Er hatte der Angst den Vorzug vor sich selbst gegeben, er hatte sich selbst verleugnet. Immer und immer wieder.
Während diese Gedanken ihn durchfluteten, betrachtete er das Kind, das ihn anschaute mit seinen großen klaren Augen.
Ist er jetzt eigentlich tot? Zum ersten Mal stellte er sich diese Frage. Wie lange war er jetzt schon hier?
Wenn er zurück könnte, wäre er nicht mehr derselbe. Er würde anders leben.
Je länger er darüber nachdachte und das Kind betrachtete desto weniger deutlich waren die Konturen des Kindes zu erkennen. Es begann sich aufzulösen, bis es schließlich ganz verschwunden war. Und er ein anderes Bild von sich selbst hatte.
Er verließ das Zelt und begann … zu fallen.

Und jetzt war er wieder hier.